...noch niemals in New York, aber dafür in England

von SZ-Autor

Geschrieben von Caecilia Lucius

...Ich war noch niemals in New York… Tja, daran konnte unsere Studienfahrt zwar auch nichts ändern, aber sie konnte uns topografisch gesehen wenigstens ein Stück näher heranbringen…--Das war vielleicht einer, doch wohl nicht der entscheidende Grund für die etwa 50 Schülerinnen und Schüler der 10. bis 12. Klassen unseres Gymnasiums, sich an einem fortgeschrittenen Herbstabend anstatt auf das Sofa in einen Bus zu setzen und dort die Nacht zu verbringen. England war das schon lang ersehnte Ziel der bevorstehenden Reise!

So legten – wir im „SchlummerModus“ – und unsere Busfahrer hellwach Kilometer um Kilometer gen Westen zurück. Mit dem nächsten Sonnenaufgang hieß es dann „Goodbye, Deutschland!“ Dieses sollten wir im September 2017 nicht mehr wiedersehen. Weiter ging es durch eine Ecke Niederlande und einen Streifen Belgien bis nach Frankreich.

In der Mittagszeit erreichten wir endlich den Atlantik und die allseits bekannte Hafenstadt Calais, wo es auch gleich auf die Fähre ging, wenn man die Passkontrollen vernachlässigt: Eineinhalb Stunden auf dem Wasser bei – durchwachsenen Wetterverhältnissen. Aber das konnte einen Gang auf das Außendeck des Schiffes und ein paar Titanic-Imitationen natürlich nicht aufhalten. Ja, einige verliebten sich so sehr in den Ärmelkanal, dass sie trotz zunehmenden Windes und Regens so lang wie möglich draußen blieben und die Atmosphäre dort mehr oder immer weniger genossen.

Spätestens als es „Land in Sicht“ hieß, drängten sich die Scharen an Menschen – nicht an Möwen – wieder an die Reling, um den Blick auf die eindrucksvollen Kreidefelsen von Dover mit verschiedensten Formen von Kameras einzufangen. Das waren nicht die letzten Fotos an diesem Tag, denn nachdem wir alle unsere Uhren zurückgestellt hatten und zum ersten Mal auf unserer Reise das Linksfahren erleben durften und versuchten, uns daran zu gewöhnen, fuhren wir schon auf einem der Parkplätze Canterburys ein.

Der ersten Stadterkundungstour lag nichts mehr im Weg. So ging es entweder direkt rein in das Spektakel, in das Zentrum von Canterbury, um die ersten Pfund auf den Kopf zu stellen, oder erst mal daran vorbei durch zahlreiche kleine Parks. Die dritte Variante beinhaltete die Entdeckung anderer Wege – irgendwelcher Wege, die noch zu Canterbury zu gehören schienen und zu den unerkannten Schönheiten, abseits vom Massentourismus und rein in die Alltäglichkeit führten. Über einen Mangel an Straßen und Gassen konnte man sich zumindest nicht beklagen. Abgesehen davon fand das Kultstädtchen auch sonst viel Zuspruch, seiner liebevoll und bunt gestalteten Läden aller Art und an allen Ecken wegen.

Mit diesen Eindrücken ging unsere Anreise in den Endspurt. Und da waren wir schließlich: in Margate. Die lange Promenade entlang fahrend sahen wir Häuser, Freizeitpark, Clock Tower und Co. auf der einen, den Strand auf der anderen Seite. Diesen durften wir nach unserer Ankunft auf dem Parkplatz neben der Fifth Avenue – ein Stück New York wurde also tatsächlich Teil unserer Reise – gleich noch etwas näher erkunden und je nach Wunsch auf Steine und Muscheln inspizieren, denn es dauerte noch etwas, bis unsere Gasteltern eintreffen würden. Die Zeitverschiebung schien uns, die wir eine Stunde aus der Zukunft nach England kamen, einen kleinen Vorsprung eingeräumt zu haben. Das bedeutete auch etwas mehr Zeit, die Aufregung steigen zu lassen und sich doch lieber nochmal die Useful Phrases, die unsere Reiseleiterin Frau Dauselt uns ans Herz und in Papierform auf den Sitz gelegt hatte, zu Gemüte zu führen.

Wo auch immer wir dabei gerade hängen geblieben waren – Einer nach dem anderen wurden wir endlich aufgerufen und unseren Gasteltern zugewiesen. Mit ihnen ging es dann zu Fuß oder mit dem Auto hinein ins britische Leben. Bis zum nächsten Morgen galt es für uns, individuelle Erfahrungen zu machen über den Wohnstil, das Familienwesen und das Essen in England. Die erste Quintessenz, über die man sich austauschen konnte, war: Wir haben W-LAN! Ein erfüllender Faktor für junge Menschen, aber nein – ganz gewiss nur das kleine Sahnehäubchen neben einem Berg von unzähligen neuen Eindrücken. Diese begleiteten uns durch den Schlaf und mit in den Bus am nächsten Morgen, wo wir die erste Nacht schließlich detailliert auswerten konnten.

Wichtigstes Thema dabei natürlich: Essen! Dinner, selbst zubereitet oder den Klischees nach doch vom Tiefkühlfach durch den Ofen auf den Tisch, in großer Runde oder einzeln, und Breakfast, mit Cornflakes, Toast oder sonstigen Extras, die ein English Breakfast hergibt, fielen von Familie zu Familie unterschiedlich aus. Am abenteuerlichsten und beeindruckendsten war aber für nicht Wenige die Lunch-Paket-Gala, die high live im Bus durchgeführt wurde. Es kamen MonsterBrotbüchsen zum Vorschein, unbekannte Riegel wurden unter die Lupe genommen und die Marken von verschiedenen Herstellern für Mini-Chips-Tüten gezählt.

So vergingen die fast drei Stunden Fahrt zu unserem Tagesziel Brighton schneller als gedacht. Mit ein paar nützlichen Informationen und Tipps unseres Busfahrers ging es rein in den Trubel. Nicht umsonst ist Brighton eine der beliebtesten Städte der britischen Südküste: Man wusste kaum, wo man zuerst hinschauen sollte – geschweige denn zu gehen: In die flippige Innenstadt oder auf den einzigartigen Pier. Abenteuer zumindest warteten überall und der Tag war noch lang. Statt also lange zu überlegen, ging es einfach los, um möglichst alles sehen zu können und am Ende auch noch Zeit für das Fish-and-Chips-Essen zu haben. Achterbahnen und Co., anziehende ShoppingStraßen, der pompöse Royal Pavillon mit seinem reizvollen Park sowie typische britische Reihenhäuser mit Meerblick prägten unser Bild von der Stadt. Das i-Tüpfelchen dabei waren auf jeden Fall die zahlreichen Straßenmusiker. Hier stach ein junger Mann besonders heraus, denn er schaffte es, eine Ed Sheeran-vibe zu verbreiten.

Einem sonnigen Samstag folgte ein – naja, nicht so sonniger Sonntag, aber das gehört zu einem richtigen England-Trip einfach dazu und hielt uns nicht davon ab die Grafschaft Kent, die Region Englands, in der auch Margate liegt, unsicher zu machen. Zunächst bildete Herne Bay dazu aber nur den schleppenden Auftakt. Die Straßen waren zwar voll mit Feuchtigkeit, dem Regen geschuldet, jedoch leer, was Menschen betrifft. Es gibt Leute, die sich über wenig Wirbel zu einem Sonntagsausflug freuen mögen, aber junge Leute reizt ein Stadtzentrum, das nur einen Blick durch die Schaufenster der Läden, nicht aber einen Gang durch deren Türen bietet, nicht wirklich und so beschränkte sich die Erkundungstour der Meisten auf den Neptune`s Arm, einen langen Steg mit Aussichtsturm.

Unseren nächsten Halt konnte man von da aus allerdings nicht sehen: Es ging nach Whitstable. Was wohl kaum jemand für möglich gehalten hatte: Dort war wirklich was los, an diesem Sonntag. Auf den Straßen sorgten Autos und Linienbusse für Bewegung und abseits von ihnen waren zahlreiche Cafés und Läden geöffnet. Ähnlich sah es in Dover aus, welches wir spontan mit in unseren Tagesplan aufnahmen. Das eigentliche Highlight dieser Stadt bildet das bekannte Dover Castle, das über der Stadt thront. So wurde dieses Castle on the Hill auch von uns, die wir uns über die Straße mit dem legendären Namen Castle Hill Road zielgerichtet darauf zu begaben, nicht verschont – zumindest die Außenmauern und das Kassenhäuschen, bis zu welchem wir vordringen konnten. Ein Besuch des Inneren der riesigen Festungsanlage hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen und wir wollten ja noch mehr erleben: zum Beispiel die Kreidefelsen von Dover, und zwar hautnah. Dieser Anblick blieb uns jedoch leider verwehrt – eben weil es schwierig ist, den richtigen Weg ohne Karte zu finden. Die Gewissheit, dass wir auch an unserem Ziel ankommen würden, hatten wir nicht und so suchten wir uns einfach ein neues. Da wir nämlich nach unserem Aufenthalt in Dover immer noch ein wenig Zeit hatten, machten wir noch ein Stopp am Strand in Deal. Einen Deal mit dem Wetter hatten wir in der Spontanität nicht gemacht und so erlebten wir auch diesen Ort bei bedecktem Himmel und Nieselregen. Damit war unser Sonntagsausflug, der in unseren Herzen auf jeden Fall sonnig war, abgeschlossen und es hieß, noch ein letztes Mal unseren Gastfamilien von den Erlebnissen des Tages zu berichten. Die dritte Nacht bei ihnen war auch unsere letzte.

Am nächsten Morgen mussten wir Abschied nehmen: von den Menschen, die uns eine halbe Woche lang aufgenommen hatten, von deren niedlichen Haustieren, die das Herz einiger von uns erobert hatten, und vom britischen Alltagsleben, in das uns ein weiter Blick eröffnet worden war. Lange Zeit zum Traurigsein blieb aber nicht, denn das größte aller Abenteuer unserer Reise lag noch vor uns: Die über acht Millionen Menschen behausende Metropole London wartete darauf, entdeckt zu werden – zunächst mit ihrem Bilder- oder eher Lehrbuch-Viertel Greenwich, das uns aus früheren Zeiten und den ersten Begegnungen mit der englischen Sprache am Gymnasium bekannt war. Unbedingt wollten wir die Thomas Tallis School live sehen. Irgendwie schienen wir sie jedoch nicht gekreuzt zu haben – Im Gegenzug spendeten die Schulkinder, die an verschiedenen Stellen in einem riesigen Park Sport trieben und ganz bestimmt zu dieser wundervollen Schule gehörten, Trost.

Weiter ging es zum Royal Observatory mit Blick auf den Millennium Dome und zum Cutty Sark, in dessen Nähe wir schließlich die Schiffsanlegestelle erreichten. Es blieb Zeit für ein paar Telefonzellen-Selfies – ein Muss, wenn man in Großbritannien ist – bis wir uns dann über das Wasser, über die Themse, tiefer in die Stadt hineinbegaben – vorbei an so vielen Orten, die wir bisher nur von Bildern kannten. Tower Bridge, St. Paul`s Cathedral und Co. mit eigenen Augen zu sehen, war ein unglaubliches Erlebnis. Angekommen in der Westminster City standen wir wieder mit beiden Beinen auf dem Boden, auf festem Boden. Der war so fest, dass er auch noch viele andere Touristen tragen konnte. Der Trubel war groß und so erübrigt sich von selbst, dass schließlich auch wir darauf losgelassen wurden und Teil von ihm werden durften. Hinein in und durch Irrgärten von Souvenirständen und Straßenkünstlern zerstreute sich die Gruppe. In wenigen Stunden würde man wissen, wie weit es die anderen in dieser schier unendlich großen Stadt geschafft hatten und ob man ein wichtiges Highlight vergessen habe zu besuchen und es auf die nächste Englandreise verschieben müsse. Fazit: Das Westminster-Viertel mit den Houses Of Parliament und dem Glockenturm um den Big Ben, Baugerüst inklusive, das Westminster Abbey sowie den Buckingham Palace, der ebenfalls nicht von Bauarbeiten verschont worden war, bekamen ziemlich alle zu Gesicht, doch weiter reichte der gemeinsame Nenner nicht und für Einige auch nicht die Orientierung und so drehten sie ein paar mehr Runden in dieser Region. Andere durften die Oxford Street, den Piccadilly Circus oder die Chinatown erleben. Der intensivste Blick auf London wurde aber wieder allen gemeinsam eröffnet: Mit einer Fahrt mit dem London Eye krönten wir unsere Studienfahrt und befuhren den für uns wahrscheinlich höchsten Punkt Großbritanniens bis dahin.

Mit Einbruch der Dunkelheit wurden wir vom Bus abgeholt und nach einer kleinen SpecialLichterfahrt durch den leuchtenden Kern der Metropole näherten wir uns der Hafenstadt Dover und dem Fähranleger Meile für Meile. Es schloss sich eine eineinhalbstündige Schifffahrt an, die wir anders als auf der Hinfahrt in den Sitzecken und möglichst warmen, bequemen und Schlaf begünstigenden Plätzen oder im Duty-free-Shop verbrachten, um die letzten umgetauschten Pfund in britische Hände zu reichen. Daraufhin hieß unser nächstes und letztes Ziel Nossen, welches wir nach einem weiteren halben Tag im Bus am 3. Oktober 2017 erreichten. Schließlich waren wir wieder mit Deutschland vereint.

Vielen Dank an alle Beteiligten und Betreuer, die uns diese Studienfahrt möglich gemacht haben. Frau Dauselt als Hauptorganisatorin und unsere Busfahrer sind hier noch einmal extra zu erwähnen, denn sie sorgten nicht nur für den sehr gut organisierten und entspannten Ablauf der Reise, sondern sie versorgten uns auch mit zahlreichen Hintergrundinformationen zum britischen Alltag, der Geschichte des Landes und Co., sodass die Busfahrten nicht langweilig werden konnten.

Dankeschön für diese gelungene Studienfahrt und auch für den Freiraum, der uns für eigene Entdeckungen gelassen wurde. Die unzähligen Erlebnisse und neuen Erfahrungen möchte sicherlich niemand von uns zurücktauschen.

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