„Der Süchtige raubt sich selbst die Freiheit“

von SZ-Autor

Geschrieben von Charlotte Schab

Mit dem Begriff Sucht kann so ziemlich jeder etwas anfangen und so auch ich. Im Internet findet man tausende Definitionen und Lehrer, sowie Eltern oder andere Verwandte haben sicherlich auch schon einmal den Versuch gestartet, uns darüber aufzuklären. Doch wie es bei Jugendlichen nun mal so ist, nerven uns diese langweiligen Vorträge und viel hängen bleibt nicht wirklich. Man lacht noch eher über solche Leute, sieht ihnen skeptisch nach oder gar entsetzt an. Nur ob das der richtige Weg ist, mit ernsthaft Sucht-erkrankten umzugehen, bleibt fragwürdig.

Drogen oder Alkohol möchten für den einen kein großes Thema sein, aber andere sind damit vielleicht schon einmal in Berührung gekommen. Viele sehen es dabei sehr locker und es ist ihnen egal, wenn man sie aufklären will, was solche Stoffe möglicherweise verursachen können. Aufzwingen kann man letztendlich niemandem etwas, aber der direkte Kontakt zu Menschen, die sich täglich mit Suchtkranken auseinander setzen oder zu Menschen, die sogar unter so einer Sucht leiden, ist etwas völlig anderes und bewegt einen sehr.

Das kann ich behaupten, denn ich hatte nicht nur einmal die Chance solchen Menschen zuzuhören. Mit ein paar anderen Schülern der 8. bis 11. Klasse hatte ich die Möglichkeit eine Fachklinik in Weinböhla, welche sich mit der Rehabilitation von suchtkranken Menschen befasst, verstehen und kennenzulernen. Herr Krause, ein Assistenzarzt in dieser Einrichtung, ging den Weg mit uns, ernsthaft zu verstehen was es bedeutet, nach etwas süchtig zu sein.

Obwohl Alkohol so alltäglich scheint, ist die Zahl von 1,5 Millionen Menschen, welche ernsthaft alkoholabhängig sind (allein in Deutschland), einfach nur erschreckend. Aber die Tatsache, dass davon jährlich 40.000 sterben, macht schlicht sprachlos. 40.000 Menschen, die den Kampf gegen ihre Sucht verlieren oder ihr sogar ohne Gegenwehr unterliegen. Ich lernte Dinge wie zum Beispiel, dass bekannte Personen wie Adolf Hitler oder „Iron Man“ von Crystal Meth abhängig waren, man früher Methamphetamin (Crystel Meth) rezeptfrei in Apotheken erwerben konnte oder Soldaten Crystal einnehmen mussten, um furchtloser und radikaler in den Krieg marschieren zu können. Mit solchen grauenvollen Fakten wurden wir konfrontiert, womit aber noch nicht genug sein sollte.

Nach einer Weile kam ein junger Mann zur Tür herein, wurde von Herrn Krause in Empfang genommen und sollte sich dann vor unsere Gruppe setzen. Uns war vorher bereits gesagt worden, dass wir im Verlauf des Tages mit einer betroffenen Person reden konnten, aber ich hätte wahrscheinlich mit einer älteren und mitgenommeneren Person gerechnet. Marcel, 25 Jahre alt, stellte sich uns vor. Er wirkte sofort sympathisch auf mich, war witzig, sehr offen und relativ fit. Ich glaube, jeder im Raum mochte ihn sofort, umso mehr erschreckte und berührte uns seine Geschichte. Um ehrlich zu sein, kann ich meine bisher gehabten Probleme mit einem Witz vergleichen, seitdem ich seine Vergangenheit kennengelernt habe.

Ein paar Beispiele dazu: Von der Adoption, 2 Wochen nach der Geburt, zu Gewaltausbrüchen seiner Mutter, zum Rauchen mit 12, zum Canabis mit 15, zum Schulwechsel, zu irrealen Stimmen und Wahnvorstellungen (Maden meint er in seiner Hand gesehen zu haben) bis hin zum Realschulabschluss in einer Psychiatrie hatte er uns allein seine Kindheit geschildert, die jeden anderen von uns bereits restlos überfordert hätte.

Als er dann mit 17 Jahren von zu Hause raus flog, weil er im betrunkenen Zustand dort randaliert hatte, begann, so glaube ich, der richtige Abstieg. Durch den Konsum von Canabis hatte sich seine „mir-ist-alles-egal-Stimmung“ zum Dauerzustand ausgebreitet und er fing an Menschen auszurauben und zu überfallen. Stell sich das einmal jemand vor, sofern dass überhaupt wirklich möglich ist.

Irgendwann kam er dann auch durch einen Freund zum Crsytal, konsumierte und vertickte es auch weiter, um sich finanziell über Wasser zu halten. Somit durfte er seinen 20. Geburtstag im Knast verbringen und entzog sich schließlich einer Therapie. Er lernte dort eine Frau kennen, begann eine Ausbildung und wurde Vater. Alles schien doch wieder gut zu werden, so hofften wir alle, während er weiter erzählte. Doch darauf folgte der nächste Absturz. Seine psychisch labile Freundin konnte sich bald nicht mehr um seinen Sohn kümmern und so musste er die Erziehung und seine Arbeit unter einen Hut bringen, was ihn auf Dauer wieder zum Crystal brachte. Ein scheinbar doch nicht enden wollender Teufelskreis.

Herr Krause erklärte uns später noch, dass Suchtkranke mit Problemen nicht klar kommen könnten und bei Stress schnell wieder zum Rückfall neigen. Nur rund 50% der bereits therapierten Alkoholiker schaffen es, trocken zu bleiben. 70-75% der Drogenabhängigen greifen nach der Therapie wieder zum „Problemlöser“ Droge, die im Prinzip letzten Endes das Problem selbst darstellt.

Zum Schluss gewannen wir noch einen näheren Einblick in die Klinik. Ihre umfangreiche Physiotherapie, ihre Holz- und Fahrradwerkstatt sowie den Garten mit Gewächshaus, wo all diese Menschen beschäftigt und zurück ins normale Leben geführt werden. Eigentlich perfekte Voraussetzungen, um den richtigen Schritt zu schaffen, aber der Patient selbst muss es wollen. Auch Marcel konnte uns auch nicht vollends überzeugt sagen, nicht noch einmal Drogen zu konsumieren.

Wer nur redet und nicht handelt, redet dumm und handelt schlecht“ - Erich Kästner (1899-1974)

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Fotoquelle: Mark Csabai

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